Texte 2019

Die Preisträgerinnen und Preisträger

Sandra HOLZREITER

Sandra HolzreiterDer Bub

Lesen Sie den Text

Der Bub

Drei Kinder sitzen da.
Ein Bub hat eine schöne Hose und die Kappe ist auch schön.
Die Sonne scheint.
Der Bub lacht ein bisschen.
Er hat Eier in der Hand – aus dem Stall.
Er mag ein Twister-Eis haben.
Er sitzt im Rollstuhl.
Er ist auf Urlaub.

Kurzbiografie

Sandra Holzreiter schreibt über sich selbst:
Ich bin Sandra Holzreiter, ich bin 33 Jahre alt.
Handarbeiten mache ich gerne und ich mag tanzen im Club 21 des Wiener Hilfswerk.

Auszug aus der Jurybegründung

von Barbara Rett:

Kein Wort zu viel,
kein Wort zu wenig.
Es ist wie ein Bild – du siehst die Situation vollkommen vor dir.

Es ist aber keine Fotografie, sondern ein gemaltes Bild – mit all seinen Farbnuancen, Schattierungen und feinen Abstufungen.

Emotionen werden nicht „beschrieben“, sondern entstehen im Leser, im Betrachter des Bildes. 
Zwischen den Zeilen schweben sie – magisch.

Ein Text, der so stringent ist,
dass er in sich selbst geschlossen ist.

Gert BAUMGARTNER

Franziska und die Waschmaschine

Lesen Sie den Text

Franziska und die Waschmaschine

Franziska kauft sich eine neue Waschmaschine.
Die Waschmaschine steht im Badezimmer. Franziska schließt die Waschmaschine an, vergisst aber die Sicherung raus zu nehmen.
Die Waschmaschine hüpft gleich aus dem Fenster und haut ab.
Franziska rennt der Waschmaschine hinterher.
Die Waschmaschine will nicht mehr in die neue Wohnung.
Die Waschmaschine schreit: „ Lass mich in Ruhe, Franziska!“
Die Waschmaschine rennt zum Teich runter.
Franziska stürzt und die Waschmaschine lacht sie aus.
Franziskas Kleidung ist dreckig und sie kann sie nicht waschen, weil ihre Waschmaschine abgehauen ist.
Franziska versucht, die Waschmaschine einzuholen. Doch sie rennen um die Wette.
Die Waschmaschine hat keine Augen und klescht an einen Baum.
Franziska sagt: „Und, hat das weh getan?“
Franziska lacht die Waschmaschine aus.
Die Waschmaschine kriegt einen Wutanfall. Sie fängt an, ganz heiß zu waschen. Um sich zu rächen lässt sie Franziskas Wäsche eingehen.
Franziska kniet sich vor die Waschmaschine und fleht sie an, es nicht zu tun. Sie sagt: „Komm wieder nach Hause!“
Die Waschmaschine sagt: „Lass mich in Ruhe!“
Die Waschmaschine und Franziska gehen getrennte Wege.
Franziska geht eine Runde spazieren, setzt sich auf eine Bank und denkt über ihr Leben nach.
Die Waschmaschine findet ein altes, verlassenes Haus. Dort wohnt sie dann.
Franziska sagt:“ Die Waschmaschine soll dort bleiben, wo sie will. Ich brauche sie nicht!“‘
Franziska kauft sich eine neue Waschmaschine und fragt gleich nach, ob sie wegrennen kann oder nicht.
Sie probiert es im Geschäft aus und gibt der neuen Waschmaschine einen Tritt. Die Waschmaschine bleibt ruhig stehen.
Der Verkäufer versichert: „Die kann nicht gehen“ Die bleibt ruhig.“
Franziska ist mit ihrer neuen Waschmaschine glücklich und zufrieden. Sie kann wieder ihre Wäsche waschen.
Jetzt lacht Franziska uns hat eine Freude. Sie wäscht zwanzig Hosen und zwanzig Hemden. Vor lauter Freude hat sie vergessen den Schlauch rein zu tun. Es gibt eine kleine Überschwemmung im Bad.
Sie muss alles aufwischen und dann ist sie wieder zufrieden.

Happy End!

Kurzbiografie

Mein Name ist Gert Baumgartner.
Ich komme aus Leoben in der Steiermark und bin seit den Neunzigern in Wien.
Ich bin am 28.06.1983 geboren. Ich bin 36 Jahre.
Ich arbeite beim ÖHTB in der Braunhubergasse im Wissensteam.
Wir nehmen einmal in der Woche eine Radiosendung auf, in der ich auch mitrede.
Ich interessiere mich für Stars, Filme, Musik, Technik, Autos und die 80er-Jahre.
Mein liebster Filmstar ist David Hasselhoff.
Ich bin ein humorvoller Mensch und schreibe gerne lustige Geschichten, über die andere lachen können.

Auszug aus der Jurybegründung

von Eva Jancak

Und da hätte ich gedacht, dass der Text von einer Frau geschrieben wurde und der Franziska, der ihre Waschmaschine auf und davon rennt und sie mit ihrem dreckigen Wäscheberg zurücklässt, eine weibliche Autorin zugeschanzt, denn Wäschewaschen, Kuchenbacken, Suppenkochen gehören ja in die Domäne der Frauen. So war es zumindest einmal und ich habe vor kurzem erst in einem Roman, der Bestsellerautorin Ildiko von Kürthy von einem Sohn gelesen, der seine Mutter entsetzt anruft, weil er nicht weiß, wie er die Waschmaschine in seiner Studenten-WG bedienen muss und die Mutter geht nicht ran, weil sie gerade andere Sorgen hat. Aber nein, der 1983 in der Steiermark geborene und seit den Neunzigerjahren in Wien lebende Gert Baumgartner ist ein Mann und offenbar ein neues Talent des „Literaturpreises Ohrenschmaus“, wo wir Juroren immer sehr froh über neue frische Stimmen sind. Sein liebster Filmstar ist David Hasselhoff, schreibt Gert Baumgartner und, dass er einmal in der Woche eine Radiosendung aufnimmt, in der auch mitredet, denn er interessiert sich für Stars, Film, Kino und Musik und hat nun einen Text geschrieben, der durch seine Sprache aufhorchen und uns beinahe in die Gefilde des phantastischen Realismus eindringen lässt. Geht es da doch um Franziska, die sich eine neue Waschmaschine kauft, weil ihre Wäsche dreckig ist, aber beim Anschluss im Badezimmer vergisst, die Sicherung herauszunehmen, worauf die Maschine gleich aus dem Fenster hüpft.

„Uje, uje!“, sagen wir da nur und beobachten Franziskas Wettlauf mit dem eigensinnigen Maschinending.

„Komm wieder nach Hause!“, fordert sie sie auf, aber die Maschine lacht nur und klescht, weil ja Augen-los gegen einen Baum.

„Lass mich in Ruhe!“, fordert sie Franziska auf und ihre Wege trennen sich, so dass Franziska nichts anderes über bleibt, als über ihr Leben nachzudenken und sich eine neue Waschmaschine zu kaufen, die ganz ruhig bleibt, so dass Franziska alle ihre Wäsche, zwanzig Hosen und zwanzig Hemden, waschen kann. Wenn das Leben mit seinen Problemen nur so einfach wäre. Ist es natürlich nicht, denn Franziska hat vergessen den Schlauch anzustecken, so dass erst eine kleine Überschwemmung weggewischt werden muss. Bis es zum Happy End kommt und alles wieder clean und sauber und alle glücklich sind! In kurzen knappen Sätzen führt uns Gert Baumgartner durch den fast surreal anmutenden Text in dem es mehrere überraschende Wendungen, von der zu Fleiß zu heiß gewaschenen Wäsche bis zu dem Haus, das die Waschmaschine findet, um dort fortan ihr neues offenbar wäscheloses Leben zu führen, gibt.

Eine spannende Welt in die uns Gert Baumgartners Text hineinführt, der sich vielleicht auch seine Wäsche selber wäscht, über den sich sehr viel nachdenken lässt.

Ich gratuliere wirklich sehr!

Cornelia PFEIFFER

45 Jahre in einer Einrichtung

Lesen Sie den Text

45 Jahre in einer Einrichtung
Wie es damals war und wie es jetzt ist

Verantwortung

Geld:

Früher musste ich mir das Geld von den Betreuerinnen bzw. Schwestern holen.
Jetzt habe ich ein Konto und kann über mein Geld, das ich verdiene, selbst verfügen.
Ich habe die Verantwortung, mir das Geld einzuteilen.

Gesunde/Ungesunde Lebensweise:

Es wird schon darauf geschaut, dass ich so gesund wie möglich lebe.
Einmal in der Woche ist Training und auch Abwaage.
Begründung: Ich bin schon älter und da ist es schwierig, Muskeln aufzubauen und Gewicht zu verlieren.
Ich bestimme aber selber, wann ich mich gesund ernähre und wann ich etwas Ungesundes esse und trinke.
Ich bestimme auch selbst, wann und wie oft ich außer dem Training Bewegung bzw. Sport mache.
Ich bestimme auch selbst, wann ich Alkohol trinke.
Ich bestimme auch selbst, ob ich rauche.
Ich trage die Verantwortung für meine Gesundheit.

Hygiene und Sauberkeit:

Einmal im Monat haben wir Wohnungskontrolle.
Diesen Tag müssen wir einhalten und wenn es wirklich nicht geht, einen anderen Tag in dieser Woche festlegen.
Sonst bestimme ich selbst über meine Wohnung, wie ich sie sauber halte.
Auch über meine Kleidung bestimme ich selbst.
Jede von uns hat einen Waschtag und ich habe die Verantwortung, meine Wäsche zu waschen.
Ich bestimme auch selbst, wann ich mich pflege (Duschen, Haare waschen, Zähne putzen etc.)
Früher hat es keine Duschen gegeben.
Es hat 2 Bade-Räume mit einer Badewanne gegeben, außerdem eine Bade-Einteilung.
Sonst hat es nur große Waschräume Mit mehreren Waschbecken gegeben.
Das Waschen (vor allem das Ausziehen) vor allen anderen war mir unangenehm.

Jemanden einladen:

Früher hat es so etwas nicht gegeben.
Entweder man hat Besuch bekommen oder man ist heimgefahren.
Da hat es auch Heimfahr-Wochenenden gegeben.
Jetzt kann ich selbst bestimmen, wann ich jemanden einlade und wen ich einlade.

Einrichtung verlassen:

Früher habe ich mich immer abmelden müssen, wenn ich die Einrichtung verlassen habe.
Ich habe sogar fragen müssen, ob ich einkaufen gehen darf.
Unser Tag zum Einkaufen war der Samstag.
Jetzt kann ich selbst bestimmen, wann ich die Einrichtung verlasse.
Und ich muss nicht mehr fragen.
Ich bin selbst dafür verantwortlich.
Ich kann auch selbst bestimmen, wann ich zurückkomme zum Beispiel, ob ich nach der Arbeit gleich heimkomme oder ob ich später heimkomme, weil ich noch einkaufen gehe.
Nur, wenn ich allein auf Urlaub fahre, muss die Einrichtung Bescheid wissen, wann ich wegfahre und wann ich zurückkomme.
Zum Beispiel: Im Sommerurlaub oder zu Weihnachten.

Rückzug:

Früher hat es für mich keine Rückzugs-Möglichkeiten gegeben. Ich habe mein Schlafzimmer mit mehreren Mädchen geteilt.
Das Schlafzimmer war nur zum Schlafen da und auch zum Aufräumen.at man sich sonst im Schlafzimmer aufgehalten, ist man in den Tagraum hinübergeschickt worden.
Der Tagraum war ein großer Aufenthaltsraum.
Wenn das Wetter schön war, habe ich mich draußen aufhalten können.
Rückzugsmöglichkeit war das nicht wirklich.
Jetzt habe ich meine Wohnung.
Wenn ich allein sein möchte oder wenn ich nicht gestört werden möchte, sperre ich die Tür zu.

Wahlmöglichkeiten

Begleitung/Betreuung:

Früher waren die Betreuerinnen, die neu gekommen sind, einfach da. Wir Kundinnen haben nicht mitreden und auch nicht wählen können.
Meistens war ich mit den Betreuerinnen zufrieden, aber mit manchen bin ich nicht gut ausgekommen.
Noch früher hatten wir Schwestern Und da hat es in keiner Hinsicht Wahlmöglichkeiten gegeben.
Wenn jetzt neue Begleiterinnen kommen, die stellen sich vor und verbringen ein paar Stunden mit uns.
Wir dürfen dann sagen, wen wir uns als Begleiterin vorstellen können.

Urlaub:

Gemeinsamen Urlaub hat es früher nie gegeben.
Da sind alle heimgefahren zu den Eltern oder zu den Verwandten.
Seit es unsere teilbetreute Wohngruppe gibt, haben wir auch Gruppen-Urlaube.
Jede darf mitbestimmen, wo wir hinfahren.

Sport und Freizeit-Aktivitäten:

Früher hat es gar keine Wahlmöglichkeiten gegeben, was Sport und Freizeit-Aktivitäten betrifft.
Es hat nur gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge gegeben.
Allein spazieren gehen oder Kaffeehaus-Besuch hat es nicht gegeben.
Sonst haben wir uns im Tagraum aufgehalten und wenn es schön war, auch mal im Garten.
Später ist es aber besser geworden.
Da habe ich auch allein mit meiner Freundin spazieren gehen dürfen.
Jetzt sind wir in einer teilbetreuten Wohngruppe.
Wir können vieles alleine unternehmen.
Wir können spazieren gehen, Ausflüge machen Zum Beispiel auf den Pöstlingberg fahren und auch in ein Kaffeehaus gehen.
Wir können auch schwimmen gehen.
Einmal haben wir gemeinsam Trainingsstunde.
Wir fahren auch einmal im Monat zum Kegeln.
Und wir haben einen gemeinsamen Spielabend und einen gemeinsamen Filmabend.
Jede darf mitbestimmen, was wir spielen.
Jede darf mitbestimmen, welchen Film wir uns anschauen.
Das ist aber alles freiwillig.

Ernährung:

Mittags gibt es in St. Elisabeth beim Essen 3 Menüs zur Auswahl.
Mich betrifft das jetzt nicht mehr.
Ich kann beim Essen auch wählen.
Zum Frühstück, zum Abendessen und zum Wochenende kann ich auch essen und trinken,  was ich möchte.
Ich kann wählen, ob ich mich gesund oder ungesund ernähre.
Das war früher nicht so.
Früher hat es mittags nur 1 Menü gegeben.
Das hat man essen müssen, ob es nun geschmeckt hat oder nicht.
Wenn ich etwas nicht gegessen habe, so habe ich auch nichts anderes bekommen.
Zum Beispiel: Mir hat die Suppe nicht geschmeckt.
Ich habe sie nicht gegessen.
Darum habe ich auch die Hauptspeise nicht bekommen.
Das heißt: Ich habe vom Frühstück bis zum Abendessen nichts zum Essen gehabt.
Ich bin auch gezwungen worden, etwas zu essen, was mir nicht geschmeckt hat.
Zum Beispiel: Ein Brot, dick mit Butter bestrichen oder Milchnudeln (Nudeln in Milch).

Essen (Wo und Wann):

Früher hat es geregelte Essenszeiten gegeben:
Frühstück: 7:00 Uhr
Mittagessen: 12:00 Uhr
Abendessen: 18:00 Uhr
Diese Zeiten habe ich einhalten müssen.
Es hat keine Ausnahmen gegeben, außer ich war krank.
Es hat einen großen Speisesaal gegeben.
Ich habe nicht im Zimmer essen dürfen, außer ich war krank.
Wenn ich mittags später gekommen bin wegen einem Arztbesuch oder einem Besuch bei einer Behörde, habe ich noch etwas von der Küche bekommen.
Das war aber selten.
Wenn ich später zum Abendessen gekommen bin, weil ich zum Beispiel einkaufen war, bin ich zum Abwaschen oder zum Tischdienst eingeteilt worden.
Jetzt habe ich meine eigene Wohnung und ich kann mir meine Essenszeiten selber einteilen.

Arztwahl:

Früher sind alle Ärzte von den Schwestern bzw. von den Betreuerinnen ausgesucht worden.
Der praktische Arzt ist später zu uns in die Einrichtung gekommen.
Die Zahnärztin, die für uns ausgesucht worden ist, hat uns Kundinnen wie kleine Kinder behandelt.
Der Zahnarzt, der später für uns Kundinnen ausgesucht worden ist, hat mir viele Zähne gerissen.
Die Assistentin war auch unfreundlich.
Ich habe noch einmal den Zahnarzt gewechselt und bei dem bin ich heute noch.
Den praktischen Arzt habe ich nicht gewechselt.
Das heißt: Es ist schon ein neuer Arzt da, weil der andere Arzt in Pension gegangen ist.
Aber mit dem neuen Arzt bin ich zufrieden.
Die Vertretung kann ich mir selbst aussuchen, weil es mehrere Ärzte zu Vertretung gibt.
Ich bin auch mit der Frauenärztin zufrieden, welche die Praxis vom ausgesuchten Frauenarzt übernommen hat.
Ich hätte sie schon wechseln dürfen.
Beim Augenarzt habe ich mich beraten lassen.

Arbeitsangebot:

Ich war sehr lange in St. Elisabeth und zwischendurch im Institut Hartheim.
Die Arbeit habe ich mir nie selber aussuchen dürfen.
In St. Elisabeth habe ich von Anfang an in der Näh-Werkstatt gearbeitet.
Ich hatte Lieblings-Arbeiten beim Nähen, die habe ich mir aber nicht selber aussuchen dürfen.
Im Institut Hartheim war ich zuerst in der Küche und dann in der Wäscherei.
Das war auch von der Leitung so bestimmt.
Es hat eine Zeit gegeben, da habe ich lieber in der Küche arbeiten wollen.
Aber die Schwester Oberin hat mir nur gut zugeredet.
Sie hat auch mit den Mitarbeiterinnen von der Wäscherei geredet.
Ich bin weiter in der Wäscherei geblieben.
Mein Wunsch war es auch, wieder in St. Elisabeth zu arbeiten.
und dieser Wunsch hat sich nach ein paar Jahren doch erfüllt, weil mir die Schwestern von St. Elisabeth auch geholfen haben.
Ich habe wieder in der Näherei gearbeitet.
Das habe ich gern gemacht.
Durch eine Ausbildung, die ich später gemacht habe, arbeite ich jetzt bei Proqualis am KI-I als Qualitäts-Evaluatorin.
Das ist ein Beruf am allgemeinen Arbeitsmarkt.

Integrative Beschäftigung:

Ich selbst habe Integrative Beschäftigung nicht mehr erlebt, weil ich da schon bei Proqualis am KI-I gearbeitet habe.
Früher hat es keine Integrative Beschäftigung gegeben.
Jetzt gibt es die Integrative Beschäftigung auch in St. Elisabeth.
Die Kunden und Kundinnen können auch wählen.
Zum Beispiel: Eine Kundin arbeitet lieber beim Spar als auf dem Bauernhof.
Oder: Eine Kundin arbeitet lieber auf dem Bauernhof als bei der Bettwäsche-Firma Fleuresse.

Arbeit in der Einrichtung:

Es gibt jetzt auch in der Einrichtung mehr Wahlmöglichkeiten.
Man kann in einer Werkstatt arbeiten.
Die Arbeit in der Werkstatt kann man sich teilweise aussuchen.
Zum Beispiel, wenn es mehr Arbeits-Möglichkeiten gibt.
Man kann auch in einem Caritas-Kaffeehaus arbeiten.

Recht auf Veränderung:

Das habe auch ich erlebt.
Zuerst hat es nie eine Veränderung gegeben.
Ich habe immer in der Werkstatt gearbeitet, acht Jahre lang.
Die erste Veränderung, die besser wurde, war die neue Einrichtung in Linz.
Die erste Einrichtung war in Gallneukirchen.
Da hat es große Schlafzimmer mit sechs bis acht Betten gegeben und den großen Tagraum.
In der neuen Einrichtung hat es mehrere Gruppen gegeben.
In jeder Gruppe hat es auch ein Wohnzimmer gegeben, keinen allgemeinen Tagraum mehr.
Wir Kundinnen haben uns in der Freizeit auch im Zimmer aufhalten dürfen.
Es hat Zweibettzimmer und Dreibettzimmer gegeben.
Ich habe mir zum Ersten Mal meine Zimmerkolleginnen aussuchen dürfen.
Die nächste Veränderung war das Institut Hartheim.
Das war aber deshalb so, weil ich nicht immer in St. Elisabeth bleiben konnte.
Es hat noch keine Dauerplätze gegeben.
Erst ab 1988 hat es in St. Elisabeth Dauerplätze gegeben. Auf meinen Wunsch habe ich wieder dort arbeiten und wohnen können.
Die nächsten Veränderungen waren die Ausbildungen.
Ich habe das Angebot bekommen, die Ausbildung SUD zu machen.
SUD heißt: Selbst Und Direkt.
Im Anschluss machte ich die Weiterbildung SUD mobil.
Das war ein EU-Projekt.
Jahre später machte ich die Ausbildung zur Qualitäts-Evaluatorin und dadurch bekam ich meine Arbeit bei Proqualis.
Auch im Wohnen hat es Veränderungen gegeben.
Ich habe eine Wohnung bekommen, zuerst war es nur eine ganz kleine Wohnung, später habe ich eine etwas größere Wohnung bekommen und in dieser Wohnung bin ich auch jetzt noch.
Das ist teilbetreutes Wohnen.
Es gibt Zielvereinbarungs-Gespräche.
Es hat auch schon Persönliche Zukunftsplanung gegeben.
Es gibt auch Psychologinnen, wenn man Probleme hat und wem zu reden braucht.
Außerdem gibt es Peer-Beratung. Peer-Beratung heißt: Menschen mit Beeinträchtigungen beraten andere Menschen mit Beeinträchtigungen.
Menschen mit Beeinträchtigungen sind gut informiert.
Informationen haben wir schon immer bekommen, auch von den Schwestern.
Sie haben uns gesagt, wenn Veränderungen geplant waren.
Zum Beispiel: Als es öfter Heimfahr-Wochenenden gegeben hat.
Oder als es eine neue Zimmer-Einteilung gegeben hat.
Und auch, wenn eine Schwester die Einrichtung verlassen hat und eine neue Schwester gekommen ist.
Wir haben auch die Information bekommen, als es zum Übersiedeln war.
Diese Informationen haben wir immer rechtzeitig bekommen.
Auch jetzt werden wir informiert, wenn etwas Wichtiges ansteht oder wenn es Veränderungen gibt.
Wir haben auch jeden Monat eine Besprechung.
Im IV Büro gibt es einen Laptop.
Da können wir uns auch im Internet informieren.
Über die Dokumentation informiert uns unsere Betreuungs-Person.
Menschen mit Beeinträchtigungen haben Kontakte im sozialen Umfeld.
Früher hat es dies auch noch nicht gegeben.
Wir sind ziemlich abgeschirmt gewesen.
Es hat aber Sonderaktionen gegeben, die es jetzt nicht mehr gibt.
Das war zum Beispiel: Ein Nachmittag im TOUROTEL an der Donau.
(Das heißt jetzt ARCOTEL.)
Es hat auch den Sonnenzug gegeben.
Mit dem haben alle Mädchen fahren dürfen, wenn sie neu in das Elisabeth-Heim gekommen sind.
20 Jahre später habe ich beim Sparverein mitmachen können.
Auch meine Freundin und eine andere Kollegin waren dabei.
Leider ist der Sparverein aufgelöst worden.
Und viele Leute von damals leben nicht mehr.
Jetzt gibt es das Cafe Carla.
Da kann man auch mit Leuten aus dem Umfeld in Kontakt kommen und auch neue Leute kennenlernen.
Meine Freundin und ich waren 2 Jahre in einem Fitness-Studio.
Da haben wir auch nette Leute kennengelernt.
Leider war es uns auf die Dauer zu teuer.
Das ging nämlich nur mit Vertrag.
Jetzt können wir durch besondere Aktivitäten mit anderen Leuten in Kontakt kommen:
Wir gehen 1mal im Monat kegeln.
Wir fahren Wellnessen.
Wir lernen Leute bei Ausflügen kennen.
Oder wir können im Urlaub Kontakte knüpfen.
Zum Beispiel auf einer Kreuzfahrt.
Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein Recht auf Bildung.
Früher hat es so etwas nie gegeben, dass Menschen mit Beeinträchtigungen Weiterbildungen machen können.
Ich habe lange Zeit nur in der Werkstatt gearbeitet.
Ich habe auch in der Küche und in der Wäscherei gearbeitet.
Das Angebot zu einer Weiterbildung habe ich erst 2002 bekommen, 26 Jahre nach dem ich  aus der Schule gekommen bin.
Jetzt gibt es Weiterbildungen vom Empowerment-Center, auch von FRISBI und von EULE.
Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein Recht auf Partnerschaft und Sexualität.
Dies war sehr lange ein Tabu-Thema.
Wir haben auch keine Hefte darüber lesen dürfen.
Solche Hefte hat man uns weggenommen.
Wir waren nur Mädchen im Heim.
Ich habe einmal einen jungen Mann kennengelernt.
Er hat mich besuchen wollen.
Aber bei den Schwestern war das unmöglich.
Ich war damals siebzehn.
Der junge Mann war auch noch nicht viel älter, vielleicht war er 2 bis 3 Jahre älter als ich.
Das weiß ich nicht mehr.
Ich habe mich immer nach einem Freund gesehnt.
Erst 2002 habe ich einen Freund bekommen Und der wollte nur Sex mit mir haben.
Der Kontakt ist mir nicht verboten worden.
Ich bin von selbst draufgekommen, dass wir nicht zusammenpassen.
Bei uns ist es jetzt erlaubt, dass man einen Freund hat.
Bei uns gibt es auch das Gütesiegel Sexualität.
Das Thema Sexualität ist kein Tabu-Thema mehr.
Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein Recht auf Privat-Sphäre.
Früher habe ich keine Privat-Sphäre gekannt.
Immer waren andere Mädchen um mich, die mir sogar zugeschaut haben, was ich mache.
Ich habe hauptsächlich gelesen oder geschrieben, manchmal auch mit anderen gespielt.
Zum Beispiel: Mensch ärgere dich nicht.
Ich habe Tagebuch geschrieben.
Es hätte jeder darin lesen können Es hat keinen Kasten zum Einsperren gegeben.
Und bei mir im Zimmer haben 6 bis 8 Mädchen geschlafen.
Es war schwierig, weil wir uns früher tagsüber nicht im Zimmer aufhalten durften.
Auch meine Post ist einmal gelesen worden, weil die Oberin nicht wusste, wer mir geschrieben hat.
Es war eine Freundin und die hat etwas Schäbiges über die Schwestern geschrieben.
Sie hat sich auch über die Schwestern lustig gemacht.
Das hat mir auch gefallen.
Aber ich habe eine Strafe bekommen.
Ich musste dieser Freundin zurückschreiben Und diesen Brief musste ich der Oberin lesen lassen.
Ich habe heimlich noch einen Brief geschrieben und zwar in Geheimschrift – mit Zahlen statt mit Buchstaben.
Zum Beispiel: A=1, B=2, C=3 und so weiter.
Gottseidank ist es jetzt nicht mehr so.
Ich habe eine Wohnung.
Ich habe auch ein Handy.
Und ich kann Post empfangen, die niemand anderer liest.
Und ich kann selber bestimmen, was ich wem lesen lasse.
Menschen mit Beeinträchtigungen können die Einrichtung uneingeschränkt nutzen.
Als Interessen-Vertreterin kann ich das IV-Büro nutzen.
Ich kann unsere Gemeinschaftsräume nutzen und ich kann die Bücherei nutzen.
Aber: Rollstuhlfahrer könnten uns nicht besuchen, weil es in unserer Wohngruppe keinen Aufzug gibt.
Menschen mit Beeinträchtigungen wissen, wie sie mit Gewalt umgehen können.
Früher waren sogar die Betreuungs-Personen bzw. die Schwestern gewalttätig, wenn ihnen an den Mädchen etwas nicht gepasst hat.
Sie haben uns zwar nicht geschlagen, aber ziemlich hart angepackt.
Sie haben mich gezwungen, etwas zu essen, vor dem mir gegraust hat.
Ich bin auch gezwungen worden, in die Kapelle zu gehen, obwohl ich Besuch hatte.
Und ich bin bloßgestellt worden, weil mir durch die Periode ein Malheur passiert ist.
Später wurden diese Methoden abgeschafft.
Wenn ich Besuch habe, kann ich mit dem Besuch alleine sein.
Ich werde zu nichts gezwungen.
Ich werde auch nicht bloßgestellt.
Bei uns hat es auch einen Selbstverteidigungs-Kurs gegeben.
Und ich weiß, wie ich mich vor Gewalt schützen kann.
Menschen mit Beeinträchtigungen haben einen Interessen-Vertretung.
Seit 2010 bin ich Interessen-Vertreterin.
Vorher nur für IV Arbeit, seit 2016 für IV Wohnen.
Früher hat es dies nicht gegeben.
Da waren für alle Menschen mit Beeinträchtigungen die Betreuungs-Personen bzw. die  Schwestern da.
Wir Mädchen hatten nichts zu sagen.
Wir konnten uns selbst nicht vertreten und wir konnten andere Mädchen nicht vertreten.
Wenn sich wer für wem anderen eingesetzt hat, hat es eine Maßregelung gegeben.
Wir haben uns nirgends einmischen dürfen, zumindest fast nirgends.
Ein anderes Mädchen hat mir schon einmal geholfen
Und zwar, als es eine Kasten-Kontrolle gegeben hat.
2002 habe ich das Angebot zur Ausbildung SUD bekommen. Das heißt: Selbst Und Direkt.
Das war eine Ausbildung zur Selbstvertretung.
Und daraus wurde bei mir später die Interessen-Vertretung.
Jetzt bin ich schon lange Interessen-Vertreterin Und ich bin froh, dass es eine Interessen-Vertretung gibt.

Kurzbiografie

Cornelia Pfeiffer wurde 1961 geboren und ist seit 1976 im Berufsleben. Derzeit arbeitet sie bei „Proqualis“ als Evaluatorin. Proqualis heißt „Qualität“. Dort beschäftigt sie sich viel mit der einfachen Sprache. https://www.proqualis.at

Ausbildung und Arbeit

Schule: 8 Jahre Sonderschule von 1968 bis 1976

Lehrzeit: Elisabeth-Heim, Gallneukirchen, Weißnäherei, von 1976 bis 1984


Beschäftigungs-Therapie: Institut Hartheim, Alkoven, Wäscherei, von 1984 bis 1987


Geschützte Arbeit: Caritas, St. Elisabeth, Linz, Näherei, von 1988 bis 2011; geringfügig seit 2012


Ausbildung zur Multiplikatorin: SUD (Selbst Und Direkt), Sankt Virgil, Salzburg, von September bis Dezember 2002

Ausbildung zur Qualitäts-Evaluatorin: FAB Organos
von 2009 bis 2011


Evaluatorin bei Proqualis Linz: seit Jänner 2012

Auszug aus der Jurybegründung

von Ludwig Laher :

Cornelia Pfeiffer hat einen wunderbaren, umfangreichen Sachtext verfasst, der Leserinnen und Leser auch emotional berührt. Denn die Autorin führt uns einerseits lebendig vor Augen, wie insensibel, übergriffig, unnötig bevormundend man vor noch nicht allzu langer Zeit mit Menschen, mit Frauen wie ihr umgegangen ist. Ihre präzisen, übersichtlich gegliederten Vergleiche von einst und jetzt sind bestechend. Andererseits dokumentiert diese Prosa eindrucksvoll das ungeheure Reflexionsniveau, das eine sozial engagierte, strukturell denkende Frau wie Frau Pfeiffer im Verein mit dem nötigen Selbstbewusstsein an den Tag legt.

Schokoladenpreis

Daniela KEDRO

Mein Sommer

Lesen Sie den Text

Mein Sommer

Ball, Bett, Eis.
Papa, Mama, Oma, Opa.
Sonne, Hunde, Blume, Baum.
Apfel, Manuel, Rollstuhl.
Wiese, Boot, Hut, Hut – Möwe.
Die Affen, Elefant, Biene.
Winnie Pooh? Winnetou!
Zähne, Vögel, Pfau.

Torte, Kiste, Liebe.
Handtuch, Wasser, Hemd.
Herz, Haube, Haus, Hose.
Cola, Eistee, Fleisch, Almdudler.

Kurzbiografie

Ich bin 33 Jahre alt. Ich arbeite bei der Lebenshilfe in der Werkstätte in der 3er Gruppe. Ich werde gerne massiert, mag gerne Volleyball spielen und mit dem Fallschirmtuch spielen. Ich bastle gerne und male gerne im Club 21. Ich habe eine Schwester, die Nicole.

Anmerkung:
Der Club 21 ist ein Treffpunkt für Menschen mit und ohne Behinderung vom Wiener Hilfswerk. Hier werden vielfältige Freizeitaktivitäten angeboten.

Auszug aus der Jurybegründung

Ehrenliste

Wolfgang PROCHAZKA

Baum

Lesen Sie den Text

Baum

Baam.
Erde aufwåchs´n.
Baam wåchs´n.
Baam, Erde.
Baam, große.
Baam, Baam.
Baam wåchs´n.
Erde.
Wind, Wind, Sturm.
Baam. Wind geht.
Baam – åbefliagt Blätter.
Sturm.
Regna, Sturm geht.
Regnen.

Friedrich SCHMOLL

Wildtierflüsterer

Lesen Sie den Text

Wildtierflüsterer

Ich würde gerne mit Tigern, Löwen und anderen Raubkatzen arbeiten.

Auch mit Schlangen.

Möchte sie alle kennenlernen.

Möchte sie berühren.

Möchte ihr Fell spüren.

Möchte erfühlen, ob es weich ist.

So wie eine Decke.

Würde gerne kuscheln mit den Raubtieren.

Ein Fuchs hat ein sehr weiches Fell, das weiß ich schon.

Ein kleiner Fuchs schlief einmal in meinem Zelt.

Damals, als ich im Wald übernachtete.

Er hatte sich verirrt.

Kam zu mir.

Ganz ein junger war er.

Schreibgruppe der Kunstwerkstatt AKZENT

seele körper geist

Lesen Sie den Text

seele körper geist

das herz ist ganz wichtig, es gehört zur seele, auch zum körper, es ist oft rot wie die liebe.

in der seele wohnt die psyche, sie ist manchmal kränklich, auch weint sie, sie ist aber meist sehr fröhlich und glücklich und wohnt zusammen mit dem herzen, innen, wie ein guter mieter.

der geist wohnt einen stock höher, im gehirn. er arbeitet viel, malt, schreibt, fantasiert, spielt musik, dichtet, erzählt geschichten, träumt. der geist ist auch ein großer forscher.

der körper muss immer mithelfen, behilflich sein, die füße tragen den körper beim spaziergang, auch wenn sie müde sind. die ohren müssen lauschen, die musik braucht sie. die hände arbeiten fleissig: halten den schreibstift, den pinsel, die flöte etc. sie müssen auch oft fest zupacken, beim putzen, den einkaufskorb tragen und andere lasten heben.

die inneren organe helfen alle mit, den geist und die seele zu ernähren, zu pflegen, damit diese eine gute arbeit leisten können. wenn sie kränklich sind, leidet geist und seele, aber diese können sogar noch gut weiterarbeiten, eine zeitlang, ohne grosse hilfe des körpers, sie strengen sich sogar besonders an, wie zb beim lungenkranken kafka u.a.

die haare am kopf schmücken den kopfgeist.

die augen lassen in die seele blicken, die ohren in den musikraum, auch in den musikalischen raum der natur.

der mund singt und redet und isst.

der rücken ist start, der bauch ist die speisekammer, und in einer eigenen abteilung können auch babies wachsen.

der körper hat auch organe für die reinigung des körpers. und für die liebe und ihren genuss.

in den armen tragen wir das baby.

man kann sagen, dass körper seele geist eine gemeinschaft bilden, wenn sie alle 3 miteinander freundlich sind und gut zusammenarbeiten. dann geht es dem menschen gut und er hat grosses wohlgefühl.

das ist aber nicht immer der fall, manchmal streiten und schaden sie einander.

die menschen sind dann kränklich, böse, traurig, auch schrecklich.

wir müssen uns bemühen, es ist gut, wenn körper seele geist echte freunde bleiben, damit der mensch gut und glücklich leben kann.

wenn wir tot sind, trennen sich dann diese freunde? wandert seele und geist in die unsichtbare ferne, nachdem sie aus dem körper geschlüpft sind?

Jochen RODENKIRCHEN

Meine Mutter

Lesen Sie den Text

Meine Mutter

Meine Mutter heißt Margarete (Name geändert). Sie ist eine geborene Baumann. Sie ist 1939 geboren, am 10. September. Sie ist Einzelkind. Sie ist sehr verwöhnt und merkt es selber gar nicht. Ich habe noch einen Bruder. Sie nicht, sie konnte sich nicht austauschen und hängt sich an Kleinigkeiten auf, zum Beispiel über mich.

Sie sieht manche Dinge nicht ein, welche Probleme ich habe. Ich stand mal reinzufällig in der Küche und habe den Streit von meinen Eltern mitgekriegt, das war für meine Mutter ein Problem. Sie hat mich rausgeschickt, aber ich wollte nicht gehen. Ich wollte teilhaben, und zuhören, welche Probleme sie haben. Das hat meine Mutter nicht zugelassen. Sie hat mich rausgeschickt und ich bin gegangen, wutentbrannt. Da war ich noch in der Schule. Mein Vater sagte: Lass den Jung doch, lass den mal zuhören. Auf Kölsch hat er das gesagt. Meine Eltern streiten darüber wegen mir. Mein Vater will sich durchsetzen, aber kommt nicht durch.

Ich seh‘ das so: Dass mein Bruder alles bekommen hat und ich nicht. Das war für mich eine Einmischung in meine Persönlichkeit. Das fand ich nicht fair. Dass ich nie machen durfte, was mein Bruder machen durfte, ich aber nicht. Als ich ausgezogen bin zu Hause, musste ich meinen Schlüssel abgeben, mein Bruder durfte seinen Schlüssel behalten, als er ausgezogen ist, weil er nicht behindert ist. Meine Mutter hat gemeint, ich könnte nicht selbstständig sein, nicht auf meinen eigenen Beinen stehen. Da habe ich immer Konflikte gehabt. Wenn meinen Eltern was passiert wäre, hätte ich eingreifen können, mich um sie kümmern können, aber meine Mutter hat mich in ein Wohnheim abgeschoben ohne mich zu fragen. Ich bin von der Schule widergekommen und da hat meine Mutter zu mir gesagt: So, du gehst jetzt ins Wohnheim. Sie hatte da meine Sachen schon gepackt, als ich in der Schule war. Mein Zimmer war leer. Das fand ich nicht nett. Ich war entsetzt und wütend und habe richtig geweint, als ich in meinem Zimmer war. Weil ich mich nicht darauf vorbereitet habe. Auf Diskussionen hatte ich keine Lust drauf gehabt. Das hätte nichts gebracht. Die macht Sachen, die denkt nicht darüber nach, wie es mir geht. Mein Vater hätte gerne gehabt, dass ich noch zu Hause gewohnt hätte. Mein Vater war ganz anders wie meine Mutter. Warum das meine Mutter gemacht hat? Keine Ahnung. Da war ich noch jung, 23, 24 war ich da. Am 5. November 1988 bin ich ausgezogen ins Betreute Wohnen.

Als ich im Wohnheim schon gewohnt habe, 1989, da hat meine Mutter mich sterilisieren lassen, das war am 5. Mai. Mit 25. In Köln. Mein Bruder hat ne Freundin gehabt, die war Arzthelferin, und bei der in der Praxis wurde das gemacht. Ich wusste das nicht, was da beim Arzt passiert. Meine Mutter hat sich nichts anmerken lassen. Sie hat ein Geheimnis draus gemacht. Mein Vater hat mich vorher im Bad unterum rasiert. Der hat das ungern gemacht, aber er hat gesagt: Das muss sein. Er wollte noch ein Männergespräch mit mir machen, aber meine Mutter kam dazwischen. Beim Arzt bekam ich eine Spritze in mein Geschlechtsteil. Die Operation hat sich komisch angefühlt. Ich hab Kopfhörer mitgehabt und auf der Liege da gelegen. Mit meinem eigenen roten Workman, den hatte ich mitgebracht. Der war noch mit Kassette. Da drin waren die Bläck Fööss live aus dem Millowitsch-Theater. Danach hat meine Mutter mir das erzählt. Sie hat zu mir gesagt: „So, Jochen, jetzt bist du ein Mann, jetzt bist du sterilisiert und kannst keine Kinder mehr kriegen.“ Das fand ich gemein. Das hat mein Charakter verletzt. Das musste ich in meinem Kopf alles sortieren. Ich saß im Auto und habe geweint. Ich hatte vorgehabt, eine Familie zu gründen. Mit zwei Kindern, mich um meine Frau zu kümmern. Das hatte ich vorgehabt. Jetzt konnte ich nicht mehr Kinder kriegen. Das habe ich erst nicht verstanden. Ich habe da wochenlang dran gekaut. Da hatte ich dran zu knabbern. Ich habe nicht verstanden, warum oder weshalb meine Mutter das gemacht hat. Sie hat mir meinen Traum genommen. Meine Mutter hatte immer Panik, dass ich nicht selbstständig sein kann durch meine Behinderung. Wir sind dann nach Hause gefahren. Für meine Mutter war das Thema gegessen. Und ich, ich war richtig wütend. Bis heute.

Birgit SCHANZNIG

Mei Bua geht in die Aida

Lesen Sie den Text

Mei Bua geht in die Aida

Mei Bua geht in die Aida

Gö stelllt`s eich des vor

Er geht aus dem Haus um Acht in der Früh

Wie lang ist denn her

Hat er den Peter Cornelius getroffen

Elfriede SCHÜTZ

Loritz ElfriedeOhne Titel

Lesen Sie den Text

Ohne Titel

Ich war das 3. von 9 Kindern.
Ich heiße Elfriede Loritz und wurde am 27.9.1959 in Eggenburg geboren.
Die Geburt war leicht, hat meine Mama gesagt.
In Eggenburg war an diesem Tag Hochwasser und der Papa hat einen Schuh verloren.
Ich bin gerne mit dem Fahrrad gefahren, sonst musste ich auf meine Geschwister aufpassen.
Einmal bin ich mit dem Fahrrad gegen den Gummiwagen gestoßen.
Ich hatte stark geblutet, die Narbe sieht man heute noch immer.
Im Kindergarten war ich leider nicht.
Meine Schwester hatte eine Puppe diese durfte ich allerdings nicht berühren, dann wurde Sie grantig.
Im Winter sind wir mit dem Schlitten gefahren – das hat mir gut gefallen.
Der Papa hat für uns 9 Kinder gekocht, und ist arbeiten gegangen.
Die Mama war nicht da, die war gerne unterwegs.
Mein Vater mochte mich am Liebsten von allen Kindern, weil ich war die Fleißigste.
Mein Papa hat gerne Witze erzählt, er war sehr lustig.
In Eggenburg war ich dann in der Schule – da hat es mir gut gefallen, meine Schwester war gescheiter.
Nach der Schule bin ich nach Wolkersdorf ins Heim gekommen.
Da war ich traurig, hab aber bald eine Freundin gefunden.
Gefallen hat es mir da nicht.
Die Erzieherin hat mir meine langen Haare abgeschnitten.
Mit 16 Jahren bin ich zu meiner Mama nach Hollabrunn gezogen.
Da ist der Briefträger gekommen, und hat gesagt er hat eine Arbeit für mich –im Gasthaus Schmöllerl in Hollabrunn beim Bahnhof.
Dort habe ich Würstel gewärmt und Geschirr abgewaschen.
Da habe ich auch geschlafen.
Einmal wurde ein Hund in der Gaststube angeschossen, da musste ich das Blut wegwischen.
Dann habe ich meinen Mann kennengelernt, den Hans, der war ein Verbrecher.
Er hat Leute bestohlen, und war sehr gemein zu mir.
Dann habe ich mich scheiden lassen.
Mit 25 Jahren bin ich wieder zu meinem Vater gezogen nach Eggenburg.
Ich habe Ihn bis zu seinem Tod gepflegt.
Dann war ich wieder in Aspersdorf und dann in Hollabrunn in den verschiedensten Gassen.
In Sitzendorf habe ich auch gearbeitet, da habe ich Rasen gemäht und sonstige Gartenarbeit gemacht.
Im Schloss Gasthaus Bisamberg war ich in der Küche, da bin ich immer mit dem letzten Zug heimgefahren.
Heute habe ich eine wunderschöne Wohnung.
Da wohnen auch meine 2 Hasen Burzi1 und Burzi2.
Am Tag bin ich in der Tagesstruktur für Seniorinnen im Johanneshaus.
Heuer feiere ich meinen 60. Geburtstag!
Es geht mir sehr gut, ich bin glücklich.
Ich hoffe das geht noch lange so weiter!

Sonja MANHARDT

Mein Leben mit Karl

Lesen Sie den Text

Mein Leben mit Karl

Wir lernten uns Ende Jänner 1996 kennen. Ich war an diesem Tag in der Realschule, die zu Mittag endete. Dann hatte ich einen Termin bei meiner ehemaligen Berufsberaterin im Zentrum von München um 14.00 Uhr. Doch als ich nach Hause, also nach Haar fahren wollte, hat es geschneit und ich fuhr zu einem weiteren Bahnhof, wo ich in den Regionalzug nach Kirchseeon stieg. Neben mir saßen ein paar junge Mädchen, die aber das Abteil verließen. Es war ein Zug mit alten Abteilen. Kurz vor Abfahrt des Zuges machte Karl die Tür zum Abteil auf und fragte mich, ob da noch ein Platz frei wäre. Ich bejahte. Er setzte sich neben mich. Wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr, dass er Karl Gradl heiße und im Telefonbuch stehe. Ich gab ihm meine Telefonnummer, da meine Familie nicht im Telefonbuch stand. Ich sagte ihm auch, dass wir uns erst am kommenden Samstag wiedersehen könnten, weil ich eine Prüfung in der Schule hätte. Er rief mich am selben Abend an und holte mich an diesem Abend von zu Hause in Haar ab. An diesem Abend war der DP-Ball im Deutschen Theater, das sich in der Schwanthalerstraße in München befindet. Wir fuhren zum Theater mit seinem Auto und gingen in den ersten Stock. Als es neun Uhr abends war, sagte ich ihm, dass ich die Prüfung nicht geschafft hätte und nicht wisse, wie es mit der Schule weiterginge. Ich erklärte ihn zu meinem Freund. Da küsste er mich. Wir tanzten und später brachte Karl mich nach Hause. Ich verließ die Schule ohne Abschluss.

Karl bewohnte eine Wohnung in der Nähe einer Tankstelle. Er arbeitete in München als Assistent. Doch er wurde im Frühling 1996 arbeitslos.

Zwei Monate später hatte ich meine erste gynäkologische Untersuchung in der first love-Ambulanz Ende März 1996. Das dauerte fast 3 Stunden, aber den Zug um 19 Uhr bekam ich noch. Ich versuchte, die Mutter meines Freundes zu erreichen, aber sie war nicht zu Hause und Karl, mein Freund und späterer Ehemann, war auch nicht zu Hause. Seine Mutter war Ursula Gradl. Sie wohnte zuletzt in derselben Straße wie Karl. Die Pensionistin unterrichtete in den 90ern Tanzen im Nachbarort von Haar, Putzbrunn, starb aber einige Zeit später.

Nach zwei Jahren Beziehung verlobten wir uns Ende Jänner. Das war in einem Restaurant in Haar.

2000 zogen Karl und ich zusammen und wohnten in einer Wohnung in Haar nahe der Stadtgrenze. Dann begegnete ich meiner Freundin Nicole Feischer zufällig wieder und sie bot mir ihre Wohnung als neue Wohnadresse an. Diese Wohnung befindet sich in Haar nahe der letzten Wohnung. Dorthin zogen wir im Sommer 2001 und wohnen dort immer noch.

Ich besuchte später ein Gymnasium in München und machte dort das Abitur.

Ich lernte die Bewegungstherapeutin Annette Köhler kennen, die mich noch immer behandelt. Sie bot mir einen Assistentenjob in ihrem Büro als Arbeitsplatz an. Ich war damit einverstanden. Ich hatte in der Volkshochschule einen Computerkurs belegt. Es befindet sich in Dachau und ich fühle mich dort wohl.

Doch Annette Köhler sah, dass ich nicht ganz glücklich war. Deshalb arbeitete ich später am Münchner Kolumbusplatz. Doch die Räumlichkeiten sind dort relativ klein und daher übersiedelten einige von uns nach Schwabing, dem 12. Bezirk, in die Ohmstraße 1, zu denen auch ich gehörte.

Meine Bewegungstherapeutin wollte jedoch nicht abwarten, bis der Karl und ich grau werden würden. Sie fragte Karl, ob er mich nur gegen Job mit Entgelt heiraten wollte oder auch ohne Entgelt. Diese Frage stellte ich ihm am Anfang August. Karl erbat sich eine Woche Bedenkzeit.

Mitte August desselben Jahres erfuhr Karl, dass er arbeitslos wäre. Doch am Tag darauf beantwortete er diese Frage mit „Ja, ich heirate dich auch ohne Job.“ Ich war richtig glücklich, konnte aber nichts sagen, weil ich so verblüfft war.

In der Folge kümmerte sich meine Familie um die Hochzeit, die 8 Monate später stattfand.

Wir heirateten im Hofbräukeller am Wiener Platz in München. Das Wetter war schön. Wir wurden von Frau Lotte Bremer getraut, die Ende Jänner einen Vortrag über die freie Trauung in München gehalten hatte. Als sie zu Ende geredet hatte, erzählte ich ihr ungefähr 20 Minuten lang aus unserem gemeinsamen Leben. Sie gefiel mir von Anfang an.

Karl kümmerte sich um seine Gäste, seinen Anzug und die Eheringe.

Meine Trauzeugin war Marie-Luise Schleise, eine ehemalige Nachbarin aus Haar. Wir kennen uns schon sehr lange. Ursprünglich hatte ich nämlich in Haar nahe einer Gesamtschule gewohnt, wo jetzt noch Helgas Vater mit seiner jetzigen Frau wohnt.

Insgesamt waren wir 39 Personen.

Von mir kamen mehr Leute als von Karl. Die Zeremonie war sehr schön. Lotte erzählte eine Sage über die Zeit. Ich hatte ihr erlaubt, einen Text aus der Märchen- und Sagenwelt zu nehmen.

Die erste Person, die wegging, war meine Bewegungstherapeutin. Sie war auf dem Hochzeitsfoto vom Hauptfotografen Reinhard drauf, der ein Verwandter von Karl ist.

Während der Zeremonie wurde viel fotografiert. Auch meine Nichte Beate sowie eine Angestellte meiner Arbeitsstätte und der Freund meiner Schwester haben fotografiert. Diese Nichte hat auch gefilmt. Sie trug ein schönes Dirndl.

Ich heiratete in Weiß.

Karl heiratete in Blau-Weiß. Er musste zuerst Ja zu mir sagen. Wir bejahten jeweils zweimal.

Zu Mittag gab es ein fixes Mittagessen. Darum hat sich meine ältere Schwester Rosa gekümmert. Sie wollte auch von mir wissen, wie viele Leute wir ungefähr wären.

Mein Schwager hatte die Idee, im Zentrum von München zu heiraten. Meine jüngere Schwester Helga, also seine Frau, kümmerte sich um die beiden Hochzeitstorten, die Bayrisch-Creme-Torte und die Biskuittorte.

Auf der Feier selbst tanzten nur wir, und zwar einen Cha-Cha-Cha und einen Jive. Die Feier dauerte 4 Stunden.

Seitdem treten wir als Ehepaar auf. Karl trägt seinen Ehering gar nicht, ich trage meinen um den Hals.

Mein Mann fand kurze Zeit später eine neue Arbeit, die er immer noch hat. Er geht später in der Früh weg und kommt früher nach Hause als bei seiner letzten Arbeit.

Ich habe mich nach Schulschluss dem Verein „Ich bin sportlich“ angeschlossen, wo ich hin passe wie die Faust aufs Auge. Der Verein kümmert sich um Leute, die gerne Sport betreiben, aber nicht hauptberuflich. Deren Vereinslokal befindet sich nahe der U-Bahnstation Münchner Freiheit. Es gibt fixe Aktivitäten nur am Wochenende, die bezahlt werden müssen.

Mittlerweile bin ich auch Mitglied im Club meines früheren Chefs Helmuth. Dieser Club trifft sich zweimal im Monat am Mittwoch am Kolumbusplatz. Die Mitglieder essen dort zu Abend. Es gibt kostenpflichtige Ausflüge am Wochenende.

Ich radle auch öfters nach den Mahlzeiten in Haar, und zwar zwei bestimmte Routen. Das macht mir großen Spaß. Eine Fahrt dauert ca. 30 Minuten. Ich fahre täglich.

Manchmal schaue ich fern, aber meistens bin ich im Kino Münchner Freiheit. Ich schaue am liebsten Komödien, aber auch Animations-, Familienfilme und Dokumentationen.

Manchmal treffe ich mich mit guten Freundinnen, zum größten Teil am Wochenende.

Ich besuche auch gerne meine Familie, die ebenfalls in Haar und nördlich von Haar wohnt.

Ich werde regelmäßig von einem Masseur massiert. Das passiert unter der Woche in Thalkirchen zweimal monatlich.

Manchmal kümmere ich mich auch um unsere Hauskatzen Dolly und James.

Eins meiner Hobbys ist das Bücherlesen. Ich habe ungefähr 30 Bücher im Abstellraum, die ich noch nicht gelesen habe. Zu jedem Geburtstag wünsche ich mir Bücher, die mir auch gekauft werden.

Ich liebe mein Leben.