„Muss man permanent der sein, der man ist?“

Literaturpreis Ohrenschmaus zum 8. Mal vergeben

Preisträger 2014 Literaturpreis Ohrenschmaus„Muss man permanent der sein, der man ist. Oder darf man jemand anderer sein. Ich möchte anderen Figuren Raum geben. […] Ich wollte einfach eine Geschichte erzählen“, erklärt Alex Dick in seinem Text „Theatermenschen“ aus dem Theaterstück „Bisdudu“, das er gemeinsam mit Wolf Junger verfasst hat. Eine gesammelte Textauswahl aus diesem Theaterstück wurde am 1. Dezember mit einem der Hauptpreise beim diesjährigen Literaturpreis Ohrenschmaus ausgezeichnet. „Es sind kleine feine Prosa-Miniaturen, in denen der 1977 in Zell am See geborene Alex Dick, der die Werkstätte der Lebenshilfe Saalfelden besucht und leidenschaftlich gern Theater spielt, vom Leben mit und ohne Behinderung erzählt und uns damit Einblicke in ein vielleicht sehr fremdes Leben gibt“, begründet Laudatorin Eva Jancak die Entscheidung der Jury.

„Besonders zur Weihnachtszeit fällt auf, wie klischeehaft und mitleidserregend die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien teils immer noch ist. Die Ohrenschmaus-Texte beleuchten in literarischen Bildern die Lebensrealität von Menschen mit intellektueller Behinderung und verschaffen dem Publikum einen authentischen Einblick und Eindruck davon, was es heißt, mit einer Lernbehinderung zu leben. Ganz und gar nicht traurig oder hoffnungslos oder grau sind diese literarischen Werke – vielmehr sind sie voller Mut, Entschlossenheit und Humor“, mit diesen Worten gratuliert der Initiator Franz-Joseph Huainigg den Preisträgerinnen und Preisträgern des Literaturpreises Ohrenschmaus 2014.

Die Partnerorganisationen Caritas, Diakonie, Jugend am Werk und Lebenshilfe sowie Vienna People First ehrten bei der gestrigen Preisverleihung Alex Dick, Christina Hendl, Klaus Willner und Peter Gstöttmaier sowie die KünstlerInnen der Ehrenliste.

Die weiteren Hauptpreise

Christina Hendl lebt im Waldviertel und arbeitet in der Hausgruppe der Tagesstätte Zuversicht, Heidenreichstein. Mehrmals nahm sie schon an Schreibwerkstätten teil und das Schreiben von Geschichten zählt zu ihren großen Hobbys. In ihrem sehr persönlichen Text „Das habe ich dir schon 1000 Mal gesagt!“ schreibt sie über ihre große Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. „Zwei Frauen in einem Raum. Die eine begreift genau, was die andere will. Die andere will die eine nicht begreifen. […] Von dieser Konstellation erzählt Christina Hendls dialogisch aufgebauter Text knapp, präzise, virtuos. Und vom Willen, als Mensch, der den von der Gesellschaft vorgegebenen Standards nur bedingt entspricht, selbstbestimmt zu leben“, würdigt Laudator Ludwig Laher den Siegertext.

Klaus Willner stammt aus Linz und ist im Vorstand der Linzer Theatergruppe „Schräge Vögel“ tätig. Sein Siegergedicht „Herpst“ handelt vom Abschied nehmen und spendet Trost, wie Felix Mitterer in seiner Laudatio betont: „Ein sehr schönes Gedicht, ein trauriges Gedicht, denn es geht dem Winter zu. Am Anfang trösten der schöne, kühle Morgen, und der Wind, der sein Haar streichelt, am Ende trösten die warme Stube, der heiße Tee, die strickende Großmutter, die putzende Mutter. Obwohl die alle nicht mehr leben, auch der Vater nicht. Klaus Willner tröstet uns mit seinem Herbstgedicht“.

Gedicht für die Banderole der Ohrenschmaus-Schokolade

Jeden Sonntag widmet Peter Gstöttmaier seiner Mutter und erzählt in seinem Gedicht „is net banond“ von seiner Sorge um ihren Gesundheitszustand. Sein Siegertext ist heuer im Inneren der Banderole der eigens für den Literaturpreis Ohrenschmaus gestalteten Schokolade der Schokoladenmanufaktur Zotter zu lesen. Peter Gstöttmaier arbeitet in der Außengruppe Anlagenpflege der Lebenshilfe Grein und legt viel Wert auf seine selbstständige Lebensführung. „Die Erschöpfung der Mutter, ihre Müdigkeit, ihr Älterwerden werden im Text spürbar – wir schauen sie an und schauen dabei wie in einen Spiegel. Sie, die unser Anfang war, kämpft nun mit einem Ende, und wir wissen es. Zwei Leben ziehen an uns vorbei, ihres und unseres, beim Hinhören auf wenige Zeilen eines Gedichts. Das zeigt einmal mehr, was Lyrik leisten kann“, so Schriftsteller Heinz Janisch, der die Laudatio bei der Preisverleihung hielt.

Preis zum achten Mal vergeben

Der Literaturpreis Ohrenschmaus wurde heuer im Beisein von Sozialminister Rudolf Hundstorfer und ÖVP-Kultursprecherin Maria Fekter zum achten Mal im Wiener Museumsquartier vergeben. „Dabei geht es nicht um Mitleid, sondern um ausgezeichnete Literatur von Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderung. Lernbehinderte Menschen haben sehr viel zu sagen – wir unterstützen sie dabei, damit an die Öffentlichkeit zu kommen“, so die Organisatoren.

Die Jury des Ohrenschmauses bestehend aus Felix Mitterer, Eva Jancak, Heinz Janisch, Niki Glattauer, Ludwig Laher, Barbara Rett und Andrea Stift kürte heuer vier SiegerInnen und eine Ehrenliste mit weiteren 6 AutorInnen. „Was gute Literatur ist? Sie muss mich berühren und ich muss dabei Neues erfahren. Und was auch noch bei den Ohrenschmaus-Texten zusätzlich auffällt, sie sind unglaublich witzig. Das ist gute Literatur“, betonte Felix Mitterer, Schirmherr des Literaturpreises Ohrenschmaus, bei der gestrigen Preisverleihung.

Texte zum Nachlesen im Internet

Alle seit Anbeginn eingereichten Ohrenschmaus-Texte sind im Internet unter www.ohrenschmaus.net zu finden, und die LiteratInnen-Community freut sich über Fans auf Facebook: „Literaturcafé Ohrenschmaus“ www.facebook.com/literaturcafe.ohrenschmaus

Der Literaturpreis Ohrenschmaus bedankt sich herzlich bei den Sponsoren bauMax, Erste Bank, Juvina, Lions Club Wieselburg, Museumsquartier Wien, Neuroth, Raiffeisen Bank Wien-NÖ, Schartner Bombe, Bäckerei Ströck und Zotter Schokoladen, die das alles überhaupt erst ermöglichen.